Bienen werden für ihren Honig gerühmt, aber ihre wichtigste Leistung hat damit nichts zu tun. Rund 88 % der wildwachsenden Blütenpflanzen weltweit sind ganz oder teilweise auf tierische Bestäuber angewiesen, und bei etwa drei Vierteln der wichtigsten Nutzpflanzenarten fällt der Ertrag höher oder die Qualität besser aus, wenn bestäubt wird. Bienen sind dabei die wichtigste Gruppe.
Eine Einordnung vorweg: „Biene“ heißt hier nicht nur Honigbiene. In Deutschland leben rund 560 Wildbienenarten – Hummeln, Mauerbienen, Sandbienen, Scherenbienen – und ein Teil von ihnen bestäubt pro Tier deutlich wirksamer als eine Honigbiene. Beide Gruppen kommen in diesem Beitrag vor, und es steht jeweils dabei, um wen es geht.
Wie ein Bienenvolk im Inneren funktioniert, steht in Die Welt der Honigbienen.
Was bei der Bestäubung passiert
Bestäubung ist der Transport von Pollen von den Staubblättern, dem männlichen Teil der Blüte, auf die Narbe, den weiblichen Teil. Erst danach kann die Befruchtung ablaufen, und erst daraus entstehen Samen und Frucht.
Es gibt zwei Wege. Bei der Selbstbestäubung bestäubt eine Pflanze sich mit eigenem Pollen – Getreide und Erbsen machen das. Bei der Fremdbestäubung kommt der Pollen von einem anderen Exemplar derselben Art. Das Ergebnis ist genetisch vielfältiger, und viele Pflanzen sind darauf angewiesen: Apfelsorten etwa können sich selbst nicht befruchten, sie brauchen eine zweite Sorte in der Nähe und ein Insekt, das den Pollen hinbringt.
Der Ablauf an der einzelnen Blüte
Eine Biene landet, um Nektar oder Pollen zu holen. Dabei streift ihr Körper die Staubblätter, und Pollen bleibt hängen – Bienenhaare sind verzweigt, anders als die glatten Haare der meisten anderen Insekten, und halten die Körner deshalb gut fest. Beim nächsten Blütenbesuch wird ein Teil davon an der Narbe abgestreift. Das ist die Bestäubung, und sie passiert nebenbei: Die Biene arbeitet für sich, nicht für die Pflanze.
Wirksam wird das erst durch die Blütenstetigkeit. Eine Sammlerin bleibt während eines Ausflugs bei einer Pflanzenart, oft über hunderte Blüten. Dadurch landet der Pollen dort, wo er etwas bewirken kann, und nicht auf der Narbe einer fremden Art.
Wer am wirksamsten bestäubt
Honigbienen
Ihre Stärke ist die Zahl. Ein Volk umfasst im Sommer 20.000 bis 80.000 Tiere, die sich gezielt auf die gerade blühende Tracht lenken lassen – deshalb werden sie in Obstanlagen und Rapsfeldern aufgestellt. Der Nachteil: Sie fliegen erst ab etwa 12 °C und bei trockenem Wetter. Ein kaltes, nasses Kirschblüten-Wochenende fällt für sie aus.
Hummeln
Hummeln fliegen schon ab rund 5 °C, bei Wind und leichtem Regen, und decken damit genau die Wetterlagen ab, an denen Honigbienen im Stock bleiben. Dazu können sie etwas, was Honigbienen nicht können: Vibrationsbestäubung. Tomate, Aubergine, Heidelbeere und Preiselbeere geben ihren Pollen nur heraus, wenn die Blüte in Schwingung gerät. Die Hummel klammert sich fest und lässt ihre Flugmuskulatur vibrieren, bis der Pollen herausfällt. Im Gewächshausanbau werden dafür eigens Hummelvölker eingesetzt.
Solitäre Wildbienen
Sie leben ohne Volk und ohne Königin, sind aber pro Tier die wirksameren Bestäuber. Der Grund liegt in der Transporttechnik, dazu gleich mehr. Im europäischen Obstbau wird die Rostrote Mauerbiene gezielt angesiedelt, weil sie früh im Jahr fliegt, kälteunempfindlich ist und eine Blüte nach der anderen abarbeitet.
Etwa ein Drittel der heimischen Wildbienenarten ist auf wenige Pflanzengattungen festgelegt. Solche Spezialisten sind für ihre Pflanze unersetzlich – fällt die Biene aus, findet die Pflanze keinen Ersatz.
Wie Bienen Pollen sammeln und transportieren
Honigbienen und Hummeln kämmen den Pollen mit den Beinen zusammen, feuchten ihn mit Nektar an und pressen ihn in die Corbicula, das Sammelkörbchen am Hinterbein. Das ergibt die bekannten Pollenhöschen. Wildbienen wie Mauer- und Blattschneiderbienen tragen ihn dagegen trocken in einer Bauchbürste unter dem Hinterleib.
Dieser Unterschied hat Folgen: Was mit Nektar in ein Körbchen geklebt ist, löst sich an einer Narbe kaum wieder. Trocken getragener Pollen fällt leicht ab – und genau deshalb bestäuben die Bauchbürstensammler pro Blütenbesuch mehr als eine Honigbiene.
Im Nest wird der Pollen verarbeitet. Honigbienen lagern ihn in Zellen ein, wo er mit Nektar und Drüsensekreten zu Bienenbrot vergärt – dem Eiweißfutter der Larven. Solitärbienen formen aus Pollen und Nektar einen Vorratsklumpen, legen ein Ei darauf und verschließen die Zelle. Danach kümmern sie sich nicht mehr darum.
Warum das zählt
Für die Natur
Bestäuber tragen die Fortpflanzung der meisten wildwachsenden Blütenpflanzen. Diese Pflanzen sind wiederum die Grundlage für Insekten, Vögel und Säugetiere. Fällt die Bestäubung weg, bricht die Kette nicht sofort, aber sie wird dünner: weniger Früchte, weniger Samen, weniger Nachwuchs in allem, was davon lebt.
Für die Landwirtschaft in Europa
Die Bestäubung durch Insekten trägt nach Schätzung der EU-Kommission rund 15 Milliarden Euro pro Jahr zur Agrarproduktion in der EU bei. In Deutschland betrifft das vor allem Raps, Äpfel, Kirschen, Erdbeeren, Kürbis und Ackerbohne.
Dabei geht es nicht nur um die Menge. Schlecht bestäubte Äpfel bleiben kleiner und wachsen einseitig, weil sich nur ein Teil der Samenanlagen entwickelt; Erdbeeren bekommen die typischen Fehlformen. Der Ausfall ist also auch dann sichtbar, wenn überhaupt etwas wächst.
Was im Garten wirkt
- Blüten von März bis Oktober, mit Weide, Krokus und Lungenkraut am Anfang und Efeu am Ende. Gefüllte Zuchtformen liefern weder Nektar noch Pollen und nützen nichts.
- Heimische Arten wie Natternkopf, Glockenblume, Wiesensalbei, Ackerwitwenblume und Klee – auf die sind die Spezialisten angewiesen.
- Keine breit wirkenden Insektizide, und Herbizide nur zurückhaltend: Sie entfernen die Wildkräuter, von denen die Wildbienen leben.
- Wasser in einer flachen Schale mit Steinen als Landeplatz.
- Nistplätze, denn Futter allein reicht nicht: offene Bodenstellen, Totholz, markhaltige Stängel und eine Nisthilfe mit Röhren von 2 bis 9 mm Durchmesser.
Den Bestäubern einen Nistplatz geben
Röhrenbewohnende Wildbienen – Mauerbienen, Scherenbienen, Blattschneiderbienen – nehmen eine Nisthilfe an, wenn die Durchmesser stimmen.
Bienenhotel ansehenFazit
Bestäubung ist ein Nebenprodukt: Die Biene sammelt für sich, der Pollen reist mit. Wirksam wird der Vorgang durch verzweigte Haare, Blütenstetigkeit und, bei den Wildbienen, durch eine Transportart, die den Pollen gerade nicht festhält. Und weil die Arten unterschiedlich fliegen – Hummeln bei 5 °C, Honigbienen ab 12 °C, Spezialisten nur an ihrer Pflanze – ist Vielfalt bei den Bestäubern keine Zierde, sondern die Absicherung.
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Häufige Fragen
Wie bestäuben Bienen eine Blüte?
Beim Sammeln bleibt Pollen an den verzweigten Körperhaaren hängen und wird an der nächsten Blüte an der Narbe abgestreift. Weil eine Sammlerin bei einer Pflanzenart bleibt, kommt der Pollen dort an, wo er passt.
Sind Honigbienen die besten Bestäuber?
Nicht pro Tier. Ihre Stärke ist die Masse und die Steuerbarkeit. Pro Blütenbesuch bestäuben Mauerbienen mehr, und Vibrationsbestäubung können nur Hummeln und einige Wildbienen.
Wozu verwenden Bienen den Pollen?
Als Eiweißfutter für die Brut. Honigbienen machen daraus Bienenbrot, Solitärbienen einen Vorratsklumpen in der Brutzelle. Erwachsene Tiere leben vor allem von Nektar.
Warum sind Bestäuber wichtig?
Weil die meisten Blütenpflanzen – wild wie angebaut – ohne sie keine oder deutlich schlechtere Früchte und Samen bilden. In der EU hängen daran rund 15 Milliarden Euro Agrarproduktion jährlich.
Was hilft Bestäubern am meisten?
Durchgehendes Blütenangebot mit heimischen, ungefüllten Arten, Verzicht auf breit wirkende Insektizide und Nistplätze im Garten.