Nein, Fledermäuse sind nicht blind. Jede Fledermausart der Welt kann sehen, und viele sehen sogar ausgesprochen gut. Was die meisten Arten zusätzlich zum Sehen haben, ist die Echoortung – ein Sinn auf Schallbasis, der dort übernimmt, wo das Licht ausgeht.
Dieser Beitrag handelt von diesem Zusammenspiel: wie Augen und Sonar bei Fledermäusen tatsächlich zusammenarbeiten, welche Arten am stärksten auf Schall setzen, und warum sich der Mythos so lange hält. Den Überblick über Fledermäuse allgemein finden Sie in 9 Fakten über Fledermäuse.
Können Fledermäuse sehen?
Ja, und besser als die meisten annehmen. Fledermäuse haben voll funktionsfähige Augen mit einer Netzhaut, die auf schwaches Licht ausgelegt ist: Sie wird von denselben Stäbchenzellen beherrscht, die auch beim Menschen das Nachtsehen tragen. Mehrere Arten sind zusätzlich für ultraviolettes Licht empfindlich – nützlich in der Dämmerung, wenn UV-Anteile noch am Himmel streuen und die Insekten losfliegen.
Das Sehen übernimmt genau die Aufgaben, die die Echoortung nicht leisten kann. Ortung über Schall reicht naturgemäß nur kurz, weil ein Echo mit der Entfernung rasch schwächer wird – bei kleinen Arten sind es oft nur 5 bis 20 m. Für die weite Orientierung sind die Augen zuständig: eine Landschaft lesen, eine Leitlinie über offenes Feld halten, den Horizont verfolgen und an der Helligkeit am Quartier ablesen, wann der Ausflug beginnt. Eine Fledermaus, die mehrere Kilometer zwischen Quartier und Jagdgebiet pendelt, navigiert dabei überwiegend mit den Augen.
Was Echoortung tatsächlich ist
Echoortung ist Sonar, erzeugt im Kehlkopf eines Säugetiers und ausgewertet mit den Ohren. Das Tier sendet einen hochfrequenten Ruf aus – bei den meisten Arten durch das Maul, bei den Hufeisennasen durch die Nasenöffnungen – und hört auf das Echo, das von allem zurückkommt, was vor ihm liegt.
Dieses Echo trägt sehr viel mehr Information, als man vermuten würde:
- Entfernung: die Zeit zwischen ausgesandtem Ruf und eintreffendem Echo.
- Richtung und Größe: der Unterschied zwischen dem, was linkes und rechtes Ohr empfangen, dazu die Lautstärke der Rückkehr.
- Oberfläche und Form: die Art, wie eine Fläche den Schall streut. Das reicht, um einen Nachtfalter von einem fallenden Blatt zu unterscheiden.
- Geschwindigkeit: die Frequenzverschiebung im Echo, wenn sich die Beute bewegt – derselbe Doppler-Effekt, den Sie an einem vorbeifahrenden Einsatzfahrzeug hören. Hufeisennasen gleichen diese Verschiebung sogar aktiv aus, indem sie ihre Rufhöhe nachregeln.
Die meisten Rufe liegen deutlich über der menschlichen Hörgrenze, je nach Art etwa zwischen 20 und 110 kHz. Die Ruffolge hängt an der Aufgabe: Auf dem Transferflug ruft eine Fledermaus rund 10- bis 20-mal pro Sekunde. Im Anflug auf ein Insekt wird daraus eine dichte Salve, die Fachleute als Endbuzz bezeichnen – bis zu etwa 200 Rufe pro Sekunde, also ein scharfes Bild genau in dem Moment, in dem Präzision zählt.
Die Rufe sind außerdem laut. Viele Arten senden mit Schalldrücken, die aus kurzer Entfernung unangenehm wären, wäre der Bereich für uns hörbar. Damit sie sich nicht selbst betäuben, spannen sie bei jedem Ruf einen Muskel im Mittelohr an. Das ist ein präzise abgestimmtes System und kein Notbehelf für schlechte Augen.
Welche Fledermäuse am stärksten auf Schall setzen
Nicht alle Fledermäuse orten mit Schall, und die Grenze verläuft entlang der Verwandtschaftsgruppen.
Insektenfresser sind die Spezialisten. Dazu gehören alle 25 in Deutschland vorkommenden Arten: Zwergfledermaus, Breitflügelfledermaus, Abendsegler, Wasserfledermaus, Großes Mausohr und ihre Verwandten. Sie jagen schnelle, unstete Insekten in vollständiger Dunkelheit, und die Echoortung ist dabei ihr wichtigster Jagdsinn. Es sind auch die Arten, die einen Fledermauskasten am Haus annehmen.
Flughunde orten dagegen überhaupt nicht mit dem Kehlkopf. Sie haben große, nach vorn gerichtete Augen und einen ausgeprägten Geruchssinn und finden Früchte und Nektar mit Augen und Nase. Ihr Sehvermögen ist hervorragend – ein Punkt, an den man sich erinnern darf, wenn wieder jemand behauptet, Fledermäuse könnten nicht sehen.
Der Nilflughund liegt genau dazwischen. Er schnalzt mit der Zunge und erzeugt so eine gröbere Form der Echoortung – genug, um sich in einer stockdunklen Höhle zu bewegen –, verlässt sich draußen aber auf die Augen.
Auch unter den heimischen Arten arbeitet nicht jede gleich. Das Braune Langohr hört beim Suchflug vor allem passiv hin: Es ortet Raupen und Nachtfalter an deren eigenen Geräuschen und liest sie von Blättern ab, weil ein Insekt, das still auf einer Blattfläche sitzt, im Echo kaum auffindbar ist. Das Große Mausohr macht es mit Laufkäfern am Boden ähnlich. Echoortung ist also nicht das Einzige, was ein Fledermausohr kann.
Echoortung macht ein Tier demnach nicht zur Fledermaus. Sie ist eine Spezialisierung, mit der ein großer Zweig der Gruppe eine Nische erschlossen hat, an die sonst niemand herankam: fliegende Insekten, nachts, im Dunkeln.
Warum sich der Mythos hält
- Die Sprache war zuerst da. Im Deutschen heißt es meist „blind wie ein Maulwurf“, im Englischen „blind as a bat“ – beide Wendungen sind älter als das Wissen um die Echoortung, und Sprache ändert sich langsam.
- Niemand beobachtet Fledermäuse bei Tageslicht. Sie fliegen, wenn wir im Haus sind. Die Lücke in der Beobachtung wird mit Vermutungen gefüllt.
- Der Flug sieht ungeordnet aus. Das Zickzack wirkt wie Orientierungslosigkeit. Es ist das Gegenteil: Jede Wendung ist eine Kurskorrektur auf ein Insekt, das das Tier gerade geortet hat.
- Die Echoortung wurde zu groß erzählt. Als sie Ende der 1930er-Jahre erstmals nachgewiesen wurde, verbreitete sich der Satz „Fledermäuse sehen mit Schall“ – was stillschweigend nahelegte, dass sie mit den Augen nicht sehen.
Was das für den Garten bedeutet
Zwei praktische Punkte folgen daraus.
Erstens: Eine Fledermaus fliegt Sie nicht versehentlich an und verfängt sich nicht in Ihren Haaren. Sie weiß im Dunkeln genau, wo Sie stehen, und das aus größerer Entfernung, als man denkt. An der Sinnesausstattung liegt es jedenfalls nicht, wenn es doch einmal eng wird.
Zweitens: Fledermäuse finden ein neues Quartier mit beiden Sinnen. Die Echoortung macht die Arbeit auf den letzten Metern, in die Gegend gebracht haben sie Augen und Landschaftsgedächtnis. Genau deshalb entscheidet der Platz mehr über die Besiedlung als fast alles andere: Höhe von 3 bis 5 m, freier Abflug nach unten, unverbauter Anflug und Sonne am Nachmittag machen aus einem Kasten ein bewohntes Quartier.
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