Die meisten wild lebenden Eulen werden nur wenige Jahre alt, und die Spanne ist je nach Art enorm. Kleine Arten wie Sperlingseule und Raufußkauz kommen selten über eine Handvoll Jahre. Große Arten wie der Uhu erreichen regelmäßig ein Jahrzehnt und mehr. Die Schleiereule liegt an einer eigenartigen Stelle: mittelgroß, aber mit so hoher Sterblichkeit im ersten Jahr, dass ihre durchschnittliche Lebenserwartung kürzer ausfällt, als ihre Größe erwarten lässt.
Über alle Arten hinweg entscheidet dieselbe Frage: ob ein Jungvogel sein erstes Jahr überlebt.
Warum es keine einzige Zahl gibt
Auf die Frage nach dem Alter einer Eule gibt es je nach Art und Lebensabschnitt verschiedene Antworten. Die Körpergröße spielt eine große Rolle: Kleine Eulen verbrauchen Energie schneller, haben mehr Feinde und erreichen ein geringeres Höchstalter. Jagdweise, Lebensraum und der Anteil der Jungvögel, die den ersten Winter überstehen, verschieben den Durchschnitt aber ebenfalls deutlich.
Deshalb wird in der Vogelkunde in Spannen gerechnet, und deshalb liegen Durchschnittsalter und Höchstalter bei derselben Art oft weit auseinander. Die belastbarste Quelle sind Ringfunde: beringte Vögel, die Jahre später wiedergefunden werden. Sie zeigen das dokumentierte Maximum, während der Normalfall deutlich darunter liegt.
Die heimischen Arten im Vergleich
Art |
Typisch in Freiheit |
Höchstalter nach Ringfunden |
Schleiereule |
nur ein bis zwei Jahre im Durchschnitt |
über 20 Jahre |
Waldkauz |
vier bis fünf Jahre |
rund 19 Jahre |
Uhu |
zehn Jahre und mehr |
über 20 Jahre |
Steinkauz |
etwa drei Jahre |
rund 15 Jahre |
Raufußkauz |
zwei bis drei Jahre |
rund 11 Jahre |
Sperlingseule |
zwei bis drei Jahre |
rund 7 Jahre |
Der Abstand zwischen den beiden Spalten ist der eigentliche Befund. Bei der Schleiereule stehen ein Durchschnitt von ein bis zwei Jahren und ein dokumentiertes Maximum von über zwanzig nebeneinander, und beides stimmt: Die Zahlen sind das Ergebnis einer extrem hohen Jugendsterblichkeit. Wer das erste Jahr übersteht, hat den gefährlichsten Abschnitt schon hinter sich.
Das erste Jahr ist das schwerste
Wie bei fast allen Wildvögeln fällt der größte Teil der Verluste vor dem ersten Geburtstag an. Ein flügger Jungvogel muss jagen lernen, Feinden ausweichen und ein eigenes Revier finden, ohne Erfahrung und ohne Sicherheitsnetz. Bei der Schleiereule erreichen in manchen Jahren nur rund 30 % der Jungvögel das erste Lebensjahr.
Genau deshalb hat ein Quartier überhaupt einen Effekt. Eine sichere, trockene Höhle für die Aufzucht nimmt eine Variable aus einem ohnehin schwierigen ersten Jahr heraus. Was ein Kasten leistet und was nicht, steht in Eulenkästen als sichere Quartiere.
Was das Leben einer Eule tatsächlich verkürzt
Altersschwäche ist bei einer wild lebenden Eule so gut wie nie die Todesursache. Häufig sind:
- Straßenverkehr. Die wichtigste Todesursache bei erwachsenen Schleiereulen in Mitteleuropa. Sie jagen niedrig über Feldrändern und Böschungen, und Autobahnböschungen sind Mäuseparadiese direkt neben der Fahrbahn.
- Harte Winter mit langer Schneedecke. Eine Schleiereule kann nicht durch eine geschlossene Schneedecke jagen. Nach mehreren Wochen Frost und Schnee brechen ganze Bestände ein, weshalb die Art in Deutschland in Wellen auf- und abgeht.
- Schlechte Mäusejahre. Die Feldmausbestände schwanken in Zyklen. Ein schlechtes Jahr für die Mäuse ist ein schlechtes Jahr für alle Eulen, die von ihnen leben.
- Vergiftung über die Beute. Eine Eule, die eine Maus frisst, die Rattengift aufgenommen hat, nimmt das Gift mit auf. Die gerinnungshemmenden Wirkstoffe in Rodentiziden lagern sich in der Leber an und wirken über mehrere Mahlzeiten hinweg. Auf dem eigenen Grundstück lässt sich das ändern: Zugänge verschließen und Fallen einsetzen statt Gift.
- Ertrinken. Im Garten wird dieser Punkt regelmäßig übersehen. Offene Regentonnen, Viehtränken und Regenwasserbehälter sind eine dokumentierte Todesfalle für Schleiereulen, die zum Trinken anfliegen und an der glatten Innenwand keinen Halt finden. Ein Deckel oder ein Brett als Ausstieg löst das.
- Stacheldraht und Zäune. Eulen verfangen sich beim niedrigen Suchflug in der obersten Litze.
- Kollisionen mit Fensterscheiben, Fahrzeugen und Zügen, vor allem bei unerfahrenen Jungvögeln.
- Verluste am Nest. Eier und Jungvögel sind für Stein- und Baummarder, Waschbären, Krähen und größere Eulen erreichbar und machen einen wesentlichen Teil der hohen Sterblichkeit im ersten Jahr aus.
Freiheit und menschliche Obhut
Eulen in Zoos, Auffangstationen und Greifvogelwarten sind von fast allem auf dieser Liste ausgenommen: kein Verkehr, kein Gift, keine schlechten Mäusejahre, und tierärztliche Versorgung, wenn doch etwas passiert. Deshalb liegt ihre Lebensdauer regelmäßig beim Zwei- bis Dreifachen der wild lebenden Tiere derselben Art. Biologisch angelegt ist dieser Unterschied nicht; er entsteht allein aus den Bedingungen draußen.
Was das für Ihren Garten bedeutet
Ein Quartier anzubieten ist eine sinnvolle Sache für die Eulen, die es nutzen. Die Wirkung liegt dabei bei den einzelnen Vögeln in Ihrem Garten und nicht bei den Beständen insgesamt. Wenn die Bedingungen stimmen, also die richtige Bauart für die Art, passende Höhe und Ausrichtung und Jagdgebiet in der Umgebung, geben Sie einem Paar eine bessere Chance, durch dieses schwere erste Jahr zu kommen.
Die Höhe richtet sich nach der Art: Waldkauz 4 bis 6 m an einem starken Stamm, Steinkauz 3 bis 5 m in einer Streuobstwiese, Schleiereule 4 bis 8 m mit Einflug in ein Gebäude, also Scheune, Dachboden oder Kirchturm. Der Uhu nimmt keinen Kasten an. Was sonst noch zählt, steht in Eulen anlocken: der vollständige Leitfaden.
Zwei Maßnahmen wirken sofort und verlangen keinen Aufwand: die Regentonne abdecken und im Garten kein Rattengift einsetzen. Beides nimmt zwei Posten von der Liste oben weg.
Rechtlicher Rahmen
Alle heimischen Eulenarten sind streng geschützt, nach § 44 BNatSchG und der EU-Vogelschutzrichtlinie, Uhu und Steinkauz zusätzlich in deren Anhang I. Einen Kasten anzubringen ist unproblematisch; ein besetzter Kasten wird nicht geöffnet, nicht ausgeleuchtet und nicht umgehängt. Kontrolle und Reinigung nur außerhalb der Brutzeit, in der Regel im September oder Oktober. Ein verletztes Tier gehört in eine Wildtier- oder Greifvogelstation; die untere Naturschutzbehörde nennt die nächste. In Österreich und der Schweiz gilt Entsprechendes.
Ein Quartier für das erste Jahr
Unser Eulenkasten aus unbehandelter Zeder – mit den Maßen, auf die es bei höhlenbrütenden Arten ankommt.
Eulenkasten ansehenFazit
Die Spanne reicht von ein bis zwei Jahren im Durchschnitt bei der Schleiereule bis über zwanzig beim Uhu. Beide Zahlen stimmen und hängen an derselben Sache: Wer das erste Jahr übersteht, lebt oft lange. Ihr eigener Beitrag dazu bleibt begrenzt, ist aber konkret: ein Quartier, eine abgedeckte Regentonne und kein Gift im Garten.